Entstehung und Wurzeln der Fastnacht

Eine Spurensuche durch die Jahrhunderte: Warum wir feiern, Kamelle werfen, Orden tragen und der Narr der Obrigkeit den Spiegel vorhält. Ein Bericht von Manfred Gies.

„Das haben wir schon immer so gemacht.“ So oder so ähnlich lautet die Antwort vieler Karnevalisten, wenn man sie fragt, warum sie den Karneval so feiern wie sie ihn feiern. Das zeugt einerseits von der Beständigkeit unseres Fastnachts- oder Karnevalsbrauchtums, andererseits aber auch davon, dass Karnevalisten ihr Tun manchmal gar nicht hinterfragen. Und oftmals ist selbst Karnevalisten gar nicht bewusst, woher unser Brauchtum eigentlich stammt. Und das soll überhaupt kein Vorwurf sein. Das, was sich früher von selbst erklärte, muss heutzutage nachgelesen oder nachgefragt werden.

Als in den späten 1950er Jahren Geborener habe ich noch miterlebt, was Fasten früher in katholischen Familien bedeutete. Sechs Wochen lang keine Süßigkeiten, nur eine volle Mahlzeit und maximal zwei kleine Zwischenmahlzeiten am Tag, Fleisch und Wurst allenfalls am Sonntag. Kuchen war ebenfalls tabu. Für die Erwachsenen gab es außerdem keine Feiern, keinen Tanz, keinen Alkohol. Diesen strengen Fastengeboten konnte sich kein Katholik entziehen. Dafür sorgte seinerzeit schon die sehr enge gesellschaftliche Kontrolle.

Weshalb erzähle ich das? Weil unser Fastnachtsbrauchtum durch die verbindliche Einführung der vorösterlichen Fastenzeit in der christlichen – heute muss man sagen katholischen – Kirche entstanden ist. Diese strengen Fastenverbote hatten Folgen für die Haushaltsführung jedes Einzelnen. Der Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten war tabu. Aber natürlich wollte man die eh nur spärlich vorhandenen Vorräte nicht vergammeln lassen. Das üppige Fastnachtsmahl wurde zum Kernelement der frühen Fastnacht. So entwickelten sich auch bestimmte Speisen zu typischen Fastnachtsspeisen, von denen heute die Berliner oder die Krapfen noch die bekanntesten sein dürften. Sie alle wurden früher in tierischem Schmalz gebacken und durften somit in der Fastenzeit nicht verzehrt werden. Und außerdem wollte man noch einmal all das tun, was ab Aschermittwoch verboten sein würde. So entstanden die Fastnachtsbräuche des Saufens und Fressens, des Tanzens und Musizierens.

Allerdings gab es in Zeiten, in denen es keine sozialen Sicherungssysteme gab, viele Menschen, die sich selbst ein einfaches Fastnachtsmahl nicht leisten konnten. Sie waren auf Spenden Anderer angewiesen. Man zog also von Haus zu Haus und von Hof zu Hof, um sich die benötigten Zutaten zu erbetteln. So entstanden die Heischeumzüge. Dabei fanden sich schnell kleinere Gruppen zusammen, um gemeinsam zu musizieren, zu singen oder zu tanzen. Je kreativer die Heischenden waren, umso großzügiger zeigten sich die aufgesuchten Bauern, Hausbesitzer und Gastwirte. Als Abwandlung dieser Heischeumzüge kam später die Lüttke-Fastnacht hinzu, bei der Kinder verkleidet von Haus zu Haus gingen und unter Absingen des Lüttke-Fastnachts-Liedes in der Nachbarschaft Süßigkeiten erbettelten. Ein Brauch, den auch ich noch kennen gelernt habe und der teilweise noch heute praktiziert wird.

So haben auch wir als Kinder in der 1960er Jahren erfahren, was Fastnacht bedeutet: Heute noch haufenweise Bonbons sammeln und futtern und zwei Tage später dann Verzicht auf alles Süße. Die Lockerung der Fastenregeln in der Folge des II. Vatikanischen Konzils Mitte der 60er Jahre und die Abkehr vieler Menschen von der katholischen Kirche hatten dann zur Folge, dass die Fastnacht in ihrem Kernelement heutzutage eben nicht mehr selbsterklärend ist. Und auch wenn die Herkunft unseres Festes im Gedächtnis der Menschen nach und nach verblasst, ist es ein Fest, das der Beginn der Fastenzeit stattfindet. Und damit ist am Aschermittwoch Schluss.

Nun zurück zur weiteren Entwicklung unseres Fastnachtsbrauchtums:

Durch den kirchlich verordneten Verzicht auf Fleisch und Fleischprodukte entstand ein Überfluss an derartigen Lebensmitteln. Und weil viele Pacht- und Zinszahlungen gerade in dieser Zeit fällig wurden, konnten sich die Grundbesitzer  angesichts der auch für sie geltenden Fastenverbote großzügig zeigen und Teile ihrer Pachteinnahmen an Bedürftige abgeben. Aus dieser Freizügigkeit entwickelte sich im Laufe der Jahre ein Heischerecht, bei dem die Heischenden darauf vertrauen konnte, dass ihr Bitten um Nahrungs- und Genussmittel erhört würde. Dieses über Jahrhunderte entstandene Heischerecht befriedigen die heutigen Karnevalisten bei ihren Umzügen, indem sie tonnenweise Kamelle werfen.

Feierte man die Fastnacht anfangs noch im familiären Rahmen, so gewann das Fest in der Folgezeit mehr und mehr an Bedeutung. Die wohlhabenderen Schichten veranstalteten alsbald große Bankette – nicht zuletzt, um den Gästen den eigenen Reichtum zu präsentieren. Da durften Amüsement und Kurzweil nicht fehlen. Man engagierte Musiker, die zum Tanz aufspielten, und verpflichtete Schwerttänzer zur Unterhaltung der Gäste. Rückblickend betrachtet war das eine erste Entwicklungsstufe der Fastnachtsbräuche. Während an den bisherigen Fastnachtsaktivitäten irgendwie alle beteiligt waren, gab es plötzlich aktive und passive Teilnehmer. Heute würde man sagen: Akteure und Zuschauer.

Wurde die Fastnacht viele Jahrhunderte in ganz Deutschland gefeiert, änderte sich das in der Folge der Reformation ab dem Jahr 1517, die maßgeblich von Martin Luther und seinen 95 Thesen ausgelöst wurde und mit denen er sich insbesondere gegen den Ablasshandel wandte. Ihm sprach er jegliche Wirkungskraft ab „auch nur die geringste lässliche Sünde wegzunehmen“. Nach Luthers Rechtfertigungslehre wird der Mensch allein durch seinen Glauben gerechtfertigt und nur durch die Gnade Gottes wird der glaubende Mensch errettet, nicht durch seine Werke. Damit wurde in der protestantischen Kirche nicht nur dem Ablasshandel, sondern auch jedweder Form von Buße – wie etwa auch der Fastenzeit – der Boden entzogen. Und weil der Glaube im 16. Jahrhundert noch keine persönliche Entscheidung war, zerfiel Deutschland in Gebiete, in denen die Fastnacht weiterhin gefeiert wurde und solche, in denen es keine Fastenzeit und somit auch keine Fastnacht gab – je nachdem, welchen Glauben der Landesherr seinen Untertan verordnet hatte.

Die weitere Fastnachtsentwicklung ist kurz erklärt. Die Ausdrucksformen wurden vielfältiger, Rügebräuche und Wettkämpfe, wie das Delbrücker Kranzreiten,  kamen hinzu. Behinderte und Missgebildete aller Art zu verspotten, Frauen und Kinder zu erschrecken und die persönlichsten Dinge Anderer öffentlich preiszugeben, galt in früheren Zeiten als Quelle der Belustigung. Wie derb die Fastnachtsbräuche waren, zeigen die vielen Fastnachtsverbote der kirchlichen und staatlichen Obrigkeit. So wurden beispielsweise 1723 in Westfalen die Fastnachtsgesellschaften verboten, ebenso das „Nachtsauffen, die Nachts-Gelächter, die Schwerd-Täntzer-Mommerey, das Schuhwegnehmen sambt allem übermäßigen fressen/sauffen und tantzen, auch alle Leichtfertigkeiten…“

Allen Verboten zum Trotz ließ sich das Fastnachtstreiben nicht unterbinden. Im Gegenteil kann man den Eindruck bekommen, dass alles noch ausschweifender wurde. So schrieb beispielsweise der bayerische Hofrat und Professor Albert Klebe 1801 über die Fastnacht in Köln in sein Tagebuch:„Alle Wirtshäuser ertönen von Musik und Gläserklang und dem Brüllen und Jauchzen des besoffenen Pöbels. Er trieb sich bei Tage zu Pferde und zu Wagen auf den Straßen in scheußlichen Masken und abends auf den Maskeraden herum. Allein an diesen maskierten Personen beiderlei Geschlechts konnte man sehen, auf welcher niedrigen Stufe von Bildung und Geschmack das Volk von Köln noch steht.“

Auch die Aussagen anderer Zeitzeugen ließen keinen Zweifel daran, dass sich das Fastnachtstreiben in der Stadt Köln (und nicht nur dort) zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Niedergang befand.
All das schrie förmlich nach Veränderungen. Erste Überlegungen zur Reformierung des kölschen Fasteleers stellten bereits im Jahr 1822 Angehörige des Bildungsbürgertums an, die sich in einer literarischen Vereinigung, der „Olympischen Gesellschaft“, zusammengefunden hatten. Sie strebten im Sinne der aufkommenden Romantik nach allgemeiner geistiger Erneuerung. Man besann sich zurück auf vergangene Tugenden und verklärte die Vergangenheit. Anregungen, wie man der „guten alten Zeit“ zu neuem Glanz verhelfen konnte, boten vor allem die Werke der damals angesagten „Dichterfürsten“ und hier insbesondere der Reisebericht Goethes über den römischen Karneval.

Das festordnende Komitee ließ sich von seinem Reisebericht inspirieren und führte nach dem Vorbild des dort beschriebenen „König Karneval“ den Helden Carneval in Köln ein. In den Zeiten der Romantik mit ihrer verklärenden Rückbesinnung auf die deutsche Vergangenheit passte so ein Held Carneval auch gut in das Geschehen. Durch seine prächtige Erscheinung sollte er das Fest noch schöner machen und ganz nebenbei das Narrenvolk mit Bonbons versorgen. Aus diesem Helden Carneval wurden später das Kölner Dreigestirn und anderenorts die Prinzen und Prinzenpaare. Viele andere Neuerungen, wie die Erfindung der Komiteemütze als Zeichen der „Eingeweihten“, die Verleihung von Orden und der Gardetanz als Persiflage auf die Obrigkeit, stammen aus jener Zeit.

Diese Neuerungen wurden von vielen Karnevalsgesellschaften in ganz Deutschland übernommen. Schon bald warben Vereine und Wirtshäuser auch in Westfalen mit Fastnachtsveranstaltungen nach rheinischem Vorbild.

Ein anderer, aus unserem Fastnachtsgeschehen nicht mehr wegzudenkender Teil unserer Bräuche entstand im Mainz der nachnapoleonischen Zeit. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts fanden die Politik und die Kritik an den allgemeinen Zeitumständen Einzug in den Karneval.  Mainz und sein Umland wurden eine Hochburg des politischen Karnevals. Als Bewohner einer Stadt, die jahrelang enge Berührung zu den Vorstellungen der französischen Revolution hatte, stemmte man sich gegen die Vorstellungen des österreichischen Staatskanzlers Metternich, die auf eine Beseitigung jeder Form von demokratischer Mitbestimmung hinausliefen. Da die Zensur jedoch jede Meinungsäußerung in dieser Richtung unterband, nutzten die Mainzer die ihnen noch verbliebene Narrenfreiheit. Von daher verwundert es auch nicht, dass die Mainzer Fernsehsitzung auch heute noch die mit den meisten politischen und gesellschaftskritischen Büttreden ist.

Dieses beginnend mit der Kritik an der Narrenschelte der Kirche im Spätmittelalter erworbene und seit Mitte des 19. Jahrhunderts in die Politik übernommene Rügerecht der Narren ist zu einem Kernelement unseres heutigen Karnevals geworden. Wir sollten es weiterhin im Sinne des Widerstands gegen jede Ungerechtigkeit und jeden Missstand pflegen und nicht dem banalen Witz oder gar der Verunglimpfung anderer preisgeben.

Und genau wie dieses närrische Rügerecht haben alle unsere Bräuche alte Wurzeln und einen tieferen Sinn. Sie zu bewahren und weiterzuentwickeln ist die Aufgabe der Karnevalsgesellschaften.

Bild Fastnachtsumzug

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Veröffentlicht am:

11. Oktober 2026

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11. Oktober 2026